Im Gespräch mit Magresco - über die Herausforderungen beim Aufbau einer Slow Fashion Brand

Im Gespräch mit Magresco - über die Herausforderungen beim Aufbau einer Slow Fashion Brand

Mit entire stories möchten wir jungen Fair Fashion Brands eine Bühne geben und den Zugang zu größeren und neuen Zielgruppen erleichtern, denn wir glauben fest daran, dass die idealistischen Gründer*innen der Brands die Zukunft der Branche sein sollten. 

Mittlerweile kommen häufig Brands auf uns zu, die ein Teil von entire stories werden möchten. Wir möchten den Brands, die es wirklich besser machen wollen, nicht von Anfang an Steine in den Weg legen und nehmen deswegen auch Brands auf, die keine Siegel oder Zertifizierungen haben, aber dafür holistische Konzepte und wirklich gute Absichten. Einige Standards sollten die Brands aber dennoch von Anfang an erfüllen, wie z.B. nachhaltigere Materialalternativen nutzen und unter fairen Bedingungen produzieren. 

So kam auch die Brand magresco auf uns zu. Leider können wir die Brand derzeit nicht aufnehmen, weil die genutzten Materialien nicht unseren Standards entsprechen. Dennoch sind wir mit der Gründerin Magda ins Gespräch gegangen, um die Schwierigkeiten der Gründung einer nachhaltigen Fashion Brand noch besser zu verstehen, ihr die Möglichkeit zu geben von ihrer Brand zu erzählen und ihr zu helfen sich nachhaltiger aufzustellen. 

Um auch euch einen Einblick zu geben, haben wir ihr ein paar Fragen gestellt: 

 

Wer bist du und was hast du bisher gemacht?

Hi, ich bin Magda und seit einem knappen Jahr wachse ich in die für mich neue Rolle der Unternehmerin. Vor knapp zwei Jahren habe ich mein Architektur Studium abgeschlossen und anschließend in einem Innenarchitektur Büro gearbeitet. Heute studiere ich an der Folkwang Universität der Künste im Masterstudiengang Kunst- und Designwissenschaften.

 

Warum hast du dich dazu entschieden eine eigene Fashion Brand zu gründen?

Auf den ersten Blick könnte man sich fragen, warum eine Architektin jetzt ein Mode Label gründet. Für mich ist dies die Erfüllung eines sehr alten Traumes und obwohl mein Weg gerade erst begonnen hat, fühlt es sich bereits wie das Erreichen eines langersehnten Ziels an. Ich wollte immer schon meinen Beitrag zu der schönen, aber auch herausfordernden Welt der Mode beitragen. Allerdings war mir lange nicht klar auf welche Weise ich meinen Beitrag leisten möchte und könnte. Kurz nach meinem Architekturstudium wurde mir dann klar, dass der Modemarkt dringend mehr Alternativen zu der schnellen und kurzlebigen Konsumkultur braucht. Die Antwort lautet demnach „Slow Fashion“. Also die Betonung von Qualität vor Quantität und das Ernstnehmen der Verantwortung, die ein so mächtiger Markt wie die Mode innehat. Hier möchte ich gerne ansetzen.

 

Wie heißt deine Brand und was ist deine Vision dahinter?

Aus diesem Problembewusstsein entstand Magresco. Meine Philosophie lautet: Restoring The Magic Of Tailoring. Ich möchte die Menschen an das stolze und ehrliche Handwerk erinnern und darauf aufmerksam machen, dass Mode mehr ist als bedingungslose Unterwerfung unter einen sich immer wieder wandelnden Zeitgeist. Bereits im Architekturstudium folgte ich der „Less Is More“-Idee und dieses Prinzip möchte ich genauso innerhalb meiner Modeentwürfe verwirklichen. Das Ziel ist hochqualitative, zeitlose und natürlich faire Kleiderstücke anzubieten, welche in meiner Zielgruppe Aufmerksamkeit für die ethischen, aber auch die ästhetischen Qualitäten von Mode hervorrufen.

 

Wann bist du gestartet?

Die erste Winterkollektion von Magresco wurde im Dezember 2020 gelaunched. Gleichwohl habe ich ein Jahr früher angefangen, die Marke nach und nach aufzubauen.

 

Was waren die ersten Schritte im Aufbau deiner Brand?

Am Anfang suchte ich nach Informationen, wie überhaupt Kleidung entworfen und produziert wird, was Schnittkonstruktionen überhaupt sind und welche Aufgaben zwingend von mir übernommen werden müssen und welche ich von Dritten übernehmen lassen kann. Anschließend habe ich nach möglichen Schneiderinnen und Schneidern gesucht, die für mich die von mir entworfenen Prototypen fertigen konnten. Diese Suche erfolgte in Polen, da ich gebürtig aus diesem Land komme und als ich vor acht Jahren nach Deutschland kam mir immer eine mögliche fachliche Verbindung zum meinem Heimatland gewünscht habe. Neben der Suche nach guten Partnerinnen und Partnern, arbeitete ich an den grafischen und konzeptuellen Seiten und legte den Namen, das Logo sowie das Layout der Webseite fest.

 

Welche Produkte bietest du an?

Mein erster Entwurf war ein Winter Mantel, da ich eine große Schwäche für Mäntel habe. Besonders diejenigen Mäntel, welche einen so einfachen wie zeitlos-schönen Schnitt haben, erobern immer direkt mein Herz. Da es für mich immer schwer war einen schönen und warmen (Gott, friere ich schnell!) Mantel zu finden, schlug ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe und löste mein persönliches Winterproblem und startete Magresco. Die Winterkollektion beinhaltet zwei Mäntel in Oversize-Größen. Yoko wird mit einem Gürtel befestigt und Polly mit Knöpfen. Die jetzige Frühlingskollektion beinhaltet diesmal einen kurzen und leichten Mantel in zwei Farben (Helena und Diana) und dazu habe ich noch zwei Tragetasche aus Baumwolle in schwarz und Naturfarbe entworfen.

 

Aus welchen Materialien bestehen deine Produkte und wo produzierst du?

Der Auswahl der Stoffe folgte meinem Wunsch nach Wärme. Daher entschied ich mich für 80 % gedämpfte Wolle und 20% Polyester. Das Lining besteht aus 100% Viskose. Die Frühlings Mäntel, die auch in Herbst getragen werden können, haben natürlich weniger Wolle, da sie nicht so warm sein dürfen. Alle Stoffe sowie die Mäntel selbst werden in Polen – von sehr starken Frauen – produziert.

 

Warum hast du dich für diese Materialien und diesen Produzenten entschieden?

Bei der Entscheidung der Stoffe war es mir ein Anliegen, dass sie in Polen produziert werden, auch um die Transportwege möglich kurz zu halten. Die Stoffe werden direkt zu meiner Schneiderin geliefert, die diese sorgfältig Stück für Stück kontrolliert und anschließend nähend verarbeitet. Magresco steht nicht für Massenproduktion, sondern begrenzte kleinere Mengen, die in Handarbeit liebevoll hergestellt werden.

 

Was waren bisher die größten Herausforderungen?

Die größten Hürden, die ich beim Start der Marke erlebte, war der Zugang zu umweltfreundlich produzierten Stoffen. Für die erste Kollektion habe ich mich entschieden das Material in Polen zu erwerben. Diesbezüglich muss ich zugeben, dass ein Bewusstsein für nachhaltige Stoffe in Polen nicht weit verbreitet ist. Einerseits ist klar, dass manche Rohstoffe klimatechnisch in dem Land nicht angebaut werden können, andererseits waren viele Produzenten überrascht und zum Teil sogar verärgert, dass man nach ökologischen Varianten und Herstellungsdetails fragt. Darüber hinaus habe ich bemerkt, dass ein kleines Label überhaupt gar keine Rolle für viele Produzenten spielt. Es sind genügend große Unternehmen, die eben jene nicht-nachhaltigen Stoffe kaufen. Dies führte zu der Herausforderung des sehr hoch angesetzten Minimums bei notwendigen Bestellungen. Völlig überraschend war für mich, dass ich für eine so kleine Kollektion beispielsweise direkt hundert Meter Stoff sowie buchstäblich 1000 Etiketten kaufen musste. Als eine kleine Marke ist es nicht möglich eine Alternative zu finden und dies ist ein weiterer Nachteil gegenüber großen Marken und meiner Meinung nach ein Zeichen dafür wie sehr der Markt auf Masse ausgelegt ist.

 

Was passiert, nachdem du ein fertiges Produkt in der Hand hast? Wie sieht die Marketingstrategie aus?  

Möglicherweise denken viele, dass es sicherer und einfacher für ein Modelabel ist, am Anfang kleinere Mengen zu produzieren. Leider ist es nicht der Fall. Die Produkte sind teurer, da sie einen fairen Herstellungsprozess durchlaufen und so werden die Investitionskosten deutlich höher. Hinzu kommen die Herausforderungen der Marketingstrategie. Als ein unbekanntes Label muss einiges getan werden, um die Kundschaft zu erreichen, wobei die finanzielle Belastung anders ist, als bei den bekannten Namen. Ein Label, was nicht die Massen, sondern das Bewusstsein der Kunden erreichen möchte, hat als Ziel, nicht nur ein Produkt zu präsentieren, sondern auch die Philosophie. Aus diesem Grund reicht es nicht aus, nur eine einfache Werbung zu schalten. Erfolgreiche Marketingbemühungen verlangen zudem eine Strategie hinsichtlich der Vermittlung der Idee von Slow Fashion und der Unterrichtung bezüglich der Realität des Massenkonsums.

 

Wo siehst du in Zukunft die größten Herausforderungen?

Herausforderungen sind ein Teil des Unternehmerlebens. Das macht es aber auch so aufregend. Einer der größten Hürden sehe ich in dem Bewusstsein für faire Mode. Slow Fashion wird immer populärer, aber es ist immer noch gefühlt ein Tropfen im Meer. Das Kaufverhalten ist noch stark durch die Masse und den Preis gesteuert, anstatt durch qualitative und fair produzierte Produkte. Gleichzeitig ist es mein Ziel dies zu ändern.


Wobei würdest du dir Unterstützung wünschen?

Die Verbreitung der Idee und das Stärken des Bewusstseins nimmt neben der Entwicklung von neuen Produkten den größten Teil meiner ToDo-Listen ein. Dabei wünschte ich mir mehr Unterstützung hinsichtlich der Recherche von mehr Informationen zur aktuellen ökologischen und ethischen Situation in der Mode und was mögliche Alternativen zur Verbesserung der Lage sind.

 

Was sind deine Pläne in Hinsicht auf deine Brand?

Magrescos Ziel ist unsere Philosophie weiter auszubauen und noch qualitätsvollere, stillvollere und umweltfreundlichere Mode anzubieten. Und das alles nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Darüber hinaus sehe ich Magresco nicht nur als einen Online Shop, sondern zukünftig als ein Platz an dem Ideen und Projekte ausgetauscht werden und gemeinsam entstehen. Meine Kreativität und die Weltwahrnehmung sind durch Architektur und Design geprägt. In einem Blog möchte ich über diese kreative Disziplinen erzählen, aber auch ihre ethischen und ökologischen Implikationen berichten,  sowie andere zu einem Gespräch über diese Themen einladen.

 

Was würdest du dir für eine Zusammenarbeit mit uns wünschen?

entire stories ist eine traumhafte Plattform für Labels, die einem ähnliches Ziel wie Magresco folgen, nämlich die Mode Branche in eine bessere Zukunft zu lenken. Ich glaube, dass man vieles zusammen bewirken kann, wenn man gemeinsam die Probleme thematisiert. Dazu gehört das Informieren über die Fakten, aber auch die Recherche nach nachhaltigen und umweltfreundlichen Stoffen oder auch Möglichkeiten der Wiederverwendung der Stoffe. Es sind die Punkte, die ich mir bei einer Zusammenarbeit mit entire stories wünschen würde – eine Hilfestellung und Vermittlung zum Thema - wie kann ich mein Label fairer und nachhaltiger machen? 

 

Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre das?  

Zeit! Die fehlt mir immer. Alles andere ist machbar, solange der Wille und Motivation da sind! Es scheitert meistens an der Zeit. Ich versuche die Idee des Slowfashions auch im Leben umzusetzen. Ich glaube fest daran, dass weniger mehr ist, nur wenn es um Zeit geht, würde ich die Regel einschränken :)


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